Der ökologische Fußabdruck in Babygröße

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Less Waste oder: Wie viel Müll muss ein Baby machen?

Das Leben beginnt mit einem riesigen Müllberg: Bevor unsere Kinder die Welt erobern dürfen, tragen sie mit vollen Windeln, leeren Babygläschen und dem ständigen Rauswachsen aus ihrer Kleidung erst mal ihren Teil zur Umweltverschmutzung bei. Obwohl: Ist dieser Anteil wirklich unvermeidlich? Nicht ganz. Mit dem Less-Waste-Konzept lässt sich dafür sorgen, dass der ökologische Fußabdruck unseres Nachwuchses wenigstens etwas kleiner wird. Was aber bedeutet Less Waste eigentlich und wie funktioniert es?

Was bedeutet Less Waste?

Das Less-Waste-Konzept ist sozusagen die kleine Schwester des Zero-Waste-Prinzips. Letzteres bedeutet wörtlich übersetzt „null Müll“ und richtet sich vor allem gegen den inflationären Einsatz von Plastik in unserer Wegwerfgesellschaft. Zero Waste ist radikal – Less Waste ist eine Annäherung, ein Kompromiss, und damit babytauglich.

Zero Waste fordert ein radikales Leben ohne Plastik

16 Millionen Tonnen Müll werden jährlich in Deutschland produziert und obwohl wir mit 60 % Recyclinganteil zu den Vorbildern im Bereich Müllentsorgung gehören, ist unser Müllproblem trotzdem nicht zu vernachlässigen. Anders als die potentiellen Recycling-Rohstoffe Glas, Papier und Metall lässt sich Plastik – wie übrigens auch der gemischte Restmüll – nicht ohne weiteren Aufwand sauber trennen.

Gleichzeitig braucht Plastik Jahrhunderte zur Zersetzung und schädigt die Umwelt bei der Herstellung und Entsorgung am meisten: im „besten“ Fall landet Plastik am Ende in der Verbrennungsanlage und schlimmstenfalls im Ozean, wo er als Mikropartikel zuerst Meeresbewohner und Vögel und dann durch die Aufnahme in die Nahrungskette letztlich auch uns Menschen schadet.


Glasflaschen sammeln ist durchaus wieder in.
Glasflaschen sind vermeintlich etwas schwerer. Dafür lassen sie sich quasi unbegrenzt wiederverwenden. Quelle: Lacey Williams

Zero Waste will daher vor allem das Prinzip der Einwegverpackung durch Kreislaufwirtschaft und die Mehrweg-Nutzung von Ressourcen verändern. Daraus ergeben sich drei Ziele:

  • Ressourcenschonung: Die Vermeidung von unnötigem Müll führt zu einem verantwortungsbewusstem Rohstoffeinsatz (Glas, Metall, Papier, Plastik und Nahrungsmittel).
  • Umweltschutz: Was an Müll unvermeidbar ist, wird bestmöglich recycelt.
  • Gesundheit: Das Zero-Waste-Prinzip verringert nicht nur die Müllproduktion, sondern auch den Kontakt mit Weichmachern, Gentechnik, chemischen Zusatzstoffen, Pflanzenschutzmitteln etc.

Folgt man dem Zero-Waste-Prinzip, werden diese Ziele radikal eingehalten – mit dem Ergebnis, dass die jährliche Müllmenge idealerweise in ein Einmachglas passt. Doch wie soll das mit einem Baby funktionieren?

Mit Less Waste kann jeder etwas tun

Tatsache ist: Erwachsene können ihren Lebensstil umstellen – auf verpackte To-Go-Snacks verzichten, Altpapier zum Container bringen, ihr Müsli in Unverpackt-Supermärkten in Gläser abfüllen… Babys können das nicht. Sie verrichten ihr Geschäft unkontrolliert, sie machen Bäuerchen und schmieren sich mit Essen voll. Das gehört per Definition zum Babydasein dazu – genauso wie das pausenlose Säubern samt den dazugehörigen Hilfsmitteln zum Elternsein.


Less Waste: Für plastikfreie Meere.
Less Waste: Damit nicht nur wir durchatmen können, sondern auch die nachfolgenden Generationen. Quelle: Yaoqi Lai

Und genau bei diesen Hilfsmitteln setzt der Less-Waste-Lebensstil an: Windeln müssen nicht aus Plastik sein, Feuchttücher müssen nicht aus der Packung kommen, Babyzimmer lassen sich mit viel Liebe umweltgerecht einrichten und auch die ständig wechselnden Kleidergrößen müssen nicht zwangsweise immer neue Ressourcen verschwenden. Doch wie sehen die Alternativen genau aus? Wir haben konkrete Tipps gesammelt.

Less-Waste-Tipps für die Schwangerschaft

Mit der Schwangerschaft beginnt die Zeit, in der das eigene Leben nicht mehr nur vom freien Willen bestimmt wird, sondern vor allem von den körperlichen Bedürfnissen. Der Bauch wächst aus der gewohnten Kleidung heraus, der berühmte Heißhunger lässt sich nur mit ganz bestimmten Nahrungsmitteln stillen und der Flüssigkeitsbedarf steigt. Anders gesagt: Es ist Konsum gefordert. Doch mit ein paar einfachen Tipps lassen sich die Bedürfnisse immerhin mit möglichst geringer Müllproduktion befriedigen:

  • Umstandskleidung: Klar, irgendwann passt die alte Garderobe nicht mehr. In Second-Hand-Läden lässt sich dann günstig Bequemes shoppen (oder in Kleiderkreiseln ertauschen), was entweder nach der Schwangerschaft auch in der Stillzeit noch passt oder nach der Bauchrückbildung wieder verkauft oder gegen „neue“ Stücke getauscht werden kann.
  • Heißhunger: Viele Gelüste wiederholen sich. Wenn der Mangohunger also jeden Tag pünktlich zur Mittagszeit eintritt, lohnt es sich, morgens zuhause eine frische Frucht für den Verzehr vorzubereiten statt unterwegs den Obstsalat im Plastikbecher zu kaufen. Auch bei Salzigem oder Herzhaftem lässt sich oft vorsorgen – oder im „Notfall“ wenigstens bewusst eine möglichst verpackungsfreie Variante wählen.
  • Flüssigkeitszufuhr: 2,5 bis 3 Liter Wasser, Tee oder Schorle werden pro Tag empfohlen. Natürlich lässt sich diese Empfehlung auch mithilfe von PET-Flaschen oder Wegwerf-Bechern erfüllen – umweltfreundlich ist allerdings die Nutzung von To-Go-Bechern aus Bambus, Thermoskannen oder Glasflaschen.

 


Tee, selbstgemischt. Mit Less Waste.
Kaum zu glauben, aber mit dem Less-Waste-Konzept spart man sich sogar den Teebeutelkauf. Quelle: Freestocks

 

Less-Waste-Tipps fürs erste Babyjahr

Apropos Selbstbestimmung: Damit ist es endgültig vorbei, wenn der Nachwuchs erst mal da ist. Mindestens im ersten Jahr wird der Tagesrhythmus nun von Hunger-, Pflege- und Schlafbedürfnissen des Säuglings festgelegt. Und wie bereits erwähnt sind hier reichlich „Hilfsmittel“ vonnöten: Cremedöschen, Reinigungstücher, Windeln, Trinkflaschen, Bodys, Lauflernschuhe, Babybettchen… Der gewohnte Haushalt muss also deutlich erweitert werden – doch das geht auch umweltbewusst nach dem Less-Waste-Prinzip.

Windeln und Pflegeprodukte

Bis das Durchschnittskind mit etwa drei Jahren selbst auf die Toilette gehen kann, werden schätzungsweise 7.000 Windeln verbraucht. Und jede einzelne dieser Windeln braucht etwa 400 Jahre, bis sie zersetzt ist – und dazu kommen weitere Pflegeprodukte. Die Alternative bedeutet zum Glück nicht, dass Omas komplizierte Windel-Wickeltechnik und das ständige Auskochen vollgekackter Stofffetzen der einzige Ausweg aus der Müllmisere sind:

  • Windelhöschen: Statt Mullwindeln zu falten und nach Spezialsystem am strampelnden Baby zu befestigen, werden moderne Windelhöschen (zum Beispiel von Wiesenglück oder Juicy Bumbles) ganz simpel geknöpft. Innen saugt dann eine (wiederverwendbare) Einlage alles auf, was aufgesaugt werden muss.
  • Bio-Windeln: Bestimmte Hersteller wie zum Beispiel Fairwindel bieten kompostierbare Windeln ohne Zusatzstoffe an. So wird das One-Way-Prinzip der Einwegwindel revolutioniert.
  • Selbstgemachte Pflegetücher: Statt gekaufter Feuchttücher eignet sich für unterwegs ein Döschen Kokosfett oder ein Fläschchen Olivenöl, das auf ein einfaches Küchentuch aufgetragen wird. Zuhause können zur Reinigung waschbare und daher wiederverwendbare Stofflappen (zum Beispiel aus alter Bettwäsche o.ä.) und warmes Wasser verwendet werden.

Generell gilt es, das „Überpflegen“ der zarten Babyhaut zu vermeiden: Wasser und Öl genügen in der Regel; selbst speziell für Babys hergestellte Pflegeartikel sind im Normalfall nicht nötig. Und falls doch, sind hier Produkte in Gläsern oder Metalldöschen denen in Plastikverpackung vorzuziehen.

Babykleidung

Strampler, Bodys und kleine Mützen im Babyformat sind so niedlich, dass die meisten werdenden Mamas gar nicht genug davon haben können. Doch tatsächlich ist der Nachwuchs aus manchen Kleidungsstücken schon herausgewachsen, bevor sie überhaupt das erste Mal angezogen werden konnten. Daher empfiehlt es sich, nicht nur die Erstausstattung entweder von Freunden mit älteren Kindern zu leihen oder sie ebenfalls Second Hand zu kaufen. Gebrauchte Kleidung ist dabei nicht nur umweltfreundlich, sondern kommt auch dem Baby zugute:

  • Durch die wiederholten Waschgänge sind alle möglicherweise während der Produktion verwendeten Chemikalien ausgespült und können die Haut nicht mehr reizen.
  • Second-Hand-Sachen haben eine gute Qualität: Billigware kann (mindestens) einen Vorgänger weder unbeschadet, noch fleckenfrei überstehen.
  • Second-Hand-Kleidung ist auch in Markenqualität deutlich günstiger als Neuware: So bleibt mehr Geld für die anderen Baby-Bedürfnisse übrig.

Was Babys wohlmöglich weniger, dafür aber die Mütter zusätzlich interessieren dürfte, ist der originelle Stil gebrauchter Teile: Wer Second Hand shoppt oder im Kleiderkreisel tauscht, kann in den Besitz besonderer Stücke gelangen, die es „von der Stange“ so nicht unbedingt zu kaufen gibt.


Mehr Stricken, weniger Kleidung kaufen.
Dauert vielleicht ein wenig länger, wirkt aber beruhigend und ist nachhaltig: Stricken. Quelle: Olliss

 

Ernährung

Hier gibt es drei zentrale Punkte:

  • Statt die üblichen Plastikfläschchen zu verwenden, lieber spezielle, bruchsichere Baby-Glasflaschen oder Metallflaschen verwenden.
  • Keine in Plastik und Alu verpackten Snacks wie die sogenannten Frucht-„Quetschis“ verfüttern. Diese sind obendrein meist sehr zuckerhaltig.
  • Für Mahlzeiten unterwegs eignen sich fertige Babygläschen oder abgefüllte, selbstgemachte Breichen und Häppchen.

Selbstgemachte Babynahrung hat übrigens gleich diverse Vorteile. Zum einen lassen sich so wirklich frische Mahlzeiten verfüttern, zum anderen weiß man so wirklich, was in der Nahrung steckt. Und es gibt zwei weitere Pluspunkte: Am Anfang kann man die Geschmacksnerven des Babys behutsam an neue Aroma gewöhnen und später lässt sich der Brei ganz einfach aus dem zubereiten, was Mama selbst zum Mittag isst.


Marktfrisch und verpackungsfrei.
Wie frisch vom Feld: Marktgemüse verzichtet in der Regel auf jede Art von Verpackung. Quelle: Thomas Gamstaetter

 

Babyspielzeug

Viele Spielzeuge sind in Plastik verpackt oder bestehen aus Plastik. Fehlen hier auch noch die entsprechenden Zertifikate, wird es nicht nur aus der Müllperspektive kritisch: Babys stecken sich alles in den Mund – und so gelangen Weichmacher und Co. direkt in ihren empfindlichen Organismus. Durch eine bewusste Auswahl lässt sich allerdings Abhilfe schaffen:

  • Material: Statt Plastik lieber Spielzeuge aus Holz, Textilien oder anderen natürlichen Materialien wählen und auf Zertifikate wie Der blaue Engel oder das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard) achten.
  • Omas Dachboden: Oft liegen die Schätze der eigenen Kindheit noch in Kisten verborgen. Und wer sagt, dass der Nachwuchs die alte Holzeisenbahn, Mamas Lieblingsbücher und Papas Bauklötze nicht genauso lieben wird wie seine Eltern? Auch Flohmärkte sind eine gute Quelle für gebrauchtes, gut erhaltenes Spielzeug.
  • Digital statt analog: Less Waste und Unterhaltung durch moderne Medien schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Per Tablet oder Laptop können Kinderlieder heruntergeladen und Kinderfilme gestreamt werden. So fallen CDs und DVDs samt Hüllen aus der Müllstatistik. Später sind auch E-Books für kleine Leseratten zu haben.

 


Vintage-Mobile mit Charme.
Ob selbstgemacht oder vererbt: Vintage-Spielzeug und -Mobiles hat immer mehr Charme. Quelle: Alessio Lin

 

Kinderzimmereinrichtung

Ja, es gibt buchstäblichen alles im niedlichen Babyformat: Zwergenschränkchen, bunte Tapeten mit kindgerechten Mustern, Spielteppiche und vieles mehr. Doch wer sich bei der Einrichtung zu 100 % auf das Babyalter konzentriert, muss schon bald umbauen und neu einrichten, damit sich zuerst das Kleinkind, dann das Schulkind, dann der Vorpubertäre und schließlich der Jugendliche in der jeweils passenden Umgebung wohlfühlt.

Wer Geld und Müll sparen will, plant dagegen langfristiger:

  • Für eine altersgerechte Wandgestaltung muss es nicht unbedingt eine neue Tapete sein: Abziehbare Wandtattoos lassen sich schnell und unkompliziert wechseln.
  • Möbel im Kleinformat sind süß – aber welches Kleinkind übernimmt die Verwaltung seiner Garderobe schon selbst? Nachhaltiger und rückenfreundlicher ist dagegen ein „mitwachsender“ Kleiderschrank, der auch für Teenager noch genug Raum bietet.
  • Es muss nicht alles neu sein: Schränke und Regale lassen sich auf dem Flohmarkt oder über Kleinanzeigen günstig erstehen und bei Bedarf liebevoll in der Wunschfarbe o.ä. gestalten. Oder finden sich vielleicht sogar im eigenen Haushalt passende Möbelstücke fürs Kinderzimmer?
  • Wer mag und kann, sollte sogar selbst kreativ werden: Diverse Materialien wie Paletten, Altholz, Stoffe und Taue eignen sich für die Kinderzimmerausgestaltung. Wichtig ist nur, dass hier nichts wackeln, kippen oder kleine Finger quetschen kann.

Less Waste für eine bessere (Kinder-)Welt

Zero Waste mag etwas für Radikale sein, die weder mit Durchfall, noch mit Bäuerchen zu kämpfen haben. Less Waste dagegen ist lebensnahe Praxis für jeden, die auch die „Einer allein kann ja nichts bewirken“-Sorge außer Kraft setzt: Denn Less Waste bedeutet, dass wirklich jeder etwas tun kann – und wenn er noch so klein anfängt.

Apropos klein: Less Waste mit Kindern ist der erste Schritt, um dem Nachwuchs eine nachhaltige Weltsicht zu vermitteln – und was könnte letztlich einen größeren Effekt auf unseren Planeten haben als eine neue, umweltbewusste Generation?

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