Schwangerschaftsmode oder Kartoffelsack, adé

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Stilrichtung „Kugelbauch“

Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Mia Prassnick – und erwarte im Oktober mein erstes Kind. In Sachen Mode bin ich eher zeitlos-praktisch veranlagt. Sprich: Wenn mir etwas gefällt, trage ich es normalerweise, bis die Nähte krachen. Dank Babybauch bekam diese Stil-Definition allerdings eine ganz neue Bedeutung – hier ist definitiv häufigeres Shopping angesagt!

Doch etwas zu finden, was mir nicht nur größentechnisch passt, ist dabei gar nicht so einfach. Ob das daran liegt, dass wir heute in den diversen Geschäften und Online-Shops einfach zu viel Auswahl haben? Und wie haben Schwangere das Kleiderproblem eigentlich in den letzten paar tausend Jahren gelöst?

Hallo, hier bin ich – und ich bin schwanger!

Umstandskleidung zu kaufen erschien mir im ersten Trimester sehr wichtig. In diesem Stadium hat man zwar noch keinen nennenswerten Bauch, aber ich hatte das Gefühl ein sichtbares Zeichen setzen zu müssen: „Hallo, ich trage Schwangerschaftsklamotten! Ich werde wirklich Mutter, in echt!“

Das Ergebnis meiner ersten Shopping-Tour war allerdings recht ernüchternd. Zwar haben die großen Modeketten meist eine kleine Mutti-Ecke (häufig direkt neben oder übergangslos kombiniert mit der Abteilung für Übergewichtige) – aber so fühlte ich mich in den angebotenen Kleidungsstücken auch: altbacken, provinziell und muttihaft.

Oder muss das so? Muss ich Pastelltöne und Schlabberblüschen im Elefantenschnitt tragen, um eine gute Mutter zu sein? Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen – und kaufte nichts.


Shoppen für Umstandsmode.
Die Qual der Wahl? So ein Einkaufserlebnis kann ganz schön überfordern. Quelle: Picjumbo

Das Bedürfnis, meinen neuen Zustand auch optisch deutlich zu machen, blieb. Von befreundeten Müttern, die nachweislich zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens einen Kartoffelsack in Rosé getragen hatten, bekam ich schließlich ein paar gute Online-Shops wie Vertbaudet und Baby-Walz empfohlen. Dort fand und kaufte ich endlich Kleidung, die Platz für einen Babybauch bot und mir trotzdem erlaubte, modemäßig ich selbst zu sein.

Muss das wirklich jeder sehen?

Der Witz daran: Als ich sie endlich hatte, lag die Schwangerschaftsmode erst mal ziemlich lange im Schrank. Statt meine brandneue Bauchband-Hose anzuziehen, die auch das winzigste Bäuchlein in echter Figurformer-Manier zur präsentablen Kugel rundet, quetschte ich mich lieber in meine alten Jeans – mit offenem Verschluss. Auch meine gewohnten T-Shirts und Kleider „genügten“ plötzlich wieder: Offenbar war ich schwanger genug, um es auch ohne Mama-Etikett im Nacken glauben zu können.

Inzwischen nähert sich mein drittes Trimester in großen Schritten, und mit wachsendem Bauchumfang verabschieden sich auch die „normalen“ Kleidungsstücke nach und nach: Die Lieblingsjeans kriege ich auch mit Omas Zopfgummi-Knopf-Trick nicht mehr zu und die T-Shirts tendieren allesamt Richtung bauchfrei. Schwangerschaftskleidung, ick hör dir trapsen!


Der Hut steht ihr gut. Schwangerschaftsmode kann auch schick sein.
Irgendwann ist plötzlich der Hut das einzige, was noch passt? Das muss doch nicht sein!

Schwangerschaftsmode im Wandel der Zeit

Im Ernst: Machen wir uns in Sachen Mode vielleicht doch zu viele Gedanken? Immerhin ist der Gefällt-mir-nicht-Ringelpiez, wie auch ich ihn in Sachen Umstandsmode aufgeführt habe, eine echte Erfindung der Neuzeit: Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war ein dicker Bauch nämlich nichts, was stolz präsentiert wurde, sondern etwas, das tunlichst kaschiert wurde.

Wieso heißt es eigentlich Umstandsmode?

Noch im Mittelalter war eine Schwangerschaft nicht unbedingt ein Anlass zur Freude: In armen Haushalten bedeutete ein (weiteres) Kind ein zusätzliches hungriges Mäulchen, das gestopft werden musste, und damit auch eine zusätzliche Belastung. Außerdem waren die Risiken während der Schwangerschaft hoch und die medizinischen Voraussetzungen für eine Geburt schlecht: Fehlgeburten, Geburtskomplikationen und Kindbettfieber kamen entsprechend häufig vor.

In gehobenen Schichten war das Ereignis obendrein mit Scham behaftet: Denn ein dicker Bauch deutete auf Sex und damit auf ein eindeutig unzüchtiges Verhalten hin. Selbst der Begriff „Schwangerschaft“ galt noch im 17. Jahrhundert als unanständig. Lieber wurden Umschreibungen wie „in anderen Umständen“ oder (etwas netter formuliert) „in gesegneten Umständen“ genutzt. Diese Floskel hat sich nicht zuletzt in Form der „Umstandsmode“ bis heute gehalten – auch wenn wir runde Bäuche inzwischen feiern und falsche Scham deutlich weniger Platz einnimmt.

Übrigens: Auch die „Schwangerschaft“ ist kein ganz neutraler Begriff. Das Wort lässt sich vom mittelhochdeutschen „swangar“ ableiten und bedeutet so viel wie „schwer“ oder „schwerfällig“.


Marcus Gerards der Jüngere, Portrait einer Frau in Rot.
Wehret den Anfängen: Umstandsmode war wortwörtlich richtig umständlich. Quelle: Marcus Gerards der Jüngere, Portrait einer Frau in Rot

Der Babybauch: Von der Neben- zur Hauptsache

Solange Schwangerschaft als gefährlich und obendrein anrüchig galt, wurde möglichst wenig Rummel um den wachsenden Bauch veranstaltet. Werdende Mütter im frühen Mittelalter trugen entsprechend der damaligen Mode ihre übliche, weite Alltagskleidung und gingen, wenn möglich, in den letzten Wochen vor der Geburt kaum noch aus dem Haus.

Erst im Hochmittelalter wurde die Kleidung figurbetonter: Während der Schwangerschaft wurden hier einfach die Seitennähte aufgetrennt, um Platz für den wachsenden Bauch zu schaffen. Es wurde also mehr Rücksicht auf die Mode als auf die Schwangerschaft genommen.

Tatsächlich entstand das erste Gewand, das auch für die Schwangere empfohlen wurde, in der Barockzeit: Das Modell „Adrienne“ war ein mantelartig geschnittenes Kleid mit üppigem Faltenwurf und ohne einschnürende Taille. Von echter Schwangerschaftsmode war dieser Schnitt aber noch genauso weit entfernt wie der Empirestil zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die hochgezogenen Taillen und unterhalb der Brust weit fallenden Kleider passten eher „zufällig“ auch zu den Anforderungen der Schwangerschaft.

Dennoch wurden Kleider und Kleidungskombinationen langsam abwechslungsreicher und anpassungsfähiger, sodass auch werdende Mütter zunehmend passende Mode fanden.


Umstandskleidung um das Jahr 1880.
Die Schwangerschaftsmode um das Jahr 1880 war auch nicht wirklich bequemer – nirgendwo.

Der Bauch wird wichtiger

Ausgewiesene Umstandsmode gibt es erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war überwiegend der gesellschaftlichen Elite vorbehalten, während einfache Frauen weiterhin schlichte, formlose Kleidung trugen. Generell wurde der nach wie vor als „peinlich“ betrachtete Babybauch bis zum Ende der 1960er Jahre mit Hängerkleidchen, Hemdblusenkleidern und weiten Mänteln eher verhüllt und nicht hervorgehoben.

Tatsächlich kommt erst den Latzhosen in den 1970ern Jahren die Rolle der stolzen “Bauch-Präsentation” zu – obwohl das natürlich nichts daran ändert, dass bis in die 1980er Jahre noch immer eher lockere Schwangerschaftskleidung bevorzugt wurde: Knallenge T-Shirts waren trotz Emanzipation eher selten zu sehen. Im Gegensatz zu heute.


Minimalistische Auswahl an Umstandskleidung.
Die Auswahl kann dezent sein, farbenfroh oder total minimalistisch. Wichtig ist: Es gefällt dir und ist bequem.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Umstandsmode beinahe genauso rasant und abwechslungsreich entwickelt wie „normale“ Fashion: Natürlich gibt es immer noch die Kartoffelsackfraktion. Auf der anderen Seite existiert jetzt aber auch das Angebot an Skinny-Jeans mit Bauchband. Versteckt werden muss nun nichts mehr und wachsende Bäuche werden in der Regel mit ebenfalls wachsendem Stolz gezeigt.

Mutter werden, individuell bleiben

Wenn ich mir die historische Entwicklung so anschaue, bin ich sehr froh, dass uns Schwangeren heute die freie Wahl zwischen Bauchverhüllung und Bauchbetonung gelassen wird.
Mutti-Farben und Kartoffelsäcke werden mir aber nach wie vor nicht in den Schrank kommen! Meine Kaufkriterien lauten stattdessen so:

  • „Mehrzweckmode“ kaufen: Im Sinne der Nachhaltigkeit werde ich nach schönen Stücken suchen, die sowohl zu meinem Stil passen als auch über das letzte Trimester und die Stillzeit hinaus tragbar sind.
  • Bequeme Stoffe wählen: Alles, was einengt, ist tabu – genauso wie Kunstfaserstoffe. Ganz vorne dabei sind also Baumwoll(misch-)gewebe und gemütliche T-Shirt-Stoffe, denn die sind atmungsaktiv und schränken nicht ein. Und mit hübschen Prints oder Mustern sind sie trotzdem ein individueller Hingucker.
  • Funktionalität geht vor: Bei manchen Kleidungsstücken wie zum Beispiel Unterwäsche hat es spätestens ab der Geburt keinen Sinn mehr, auf Schickimicki zu achten. Anders gesagt, Mädels: Vermutlich können wir uns unsere Lieblings-High-Heels und die Bügel-BHs mit der sexy Spitze für eine Weile abschminken.

Doch falls ihr euch um euren Sex-Appeal sorgt: Wer euch wirklich liebt, der liebt euch auch mit gesunden Schuhen mit Fußbett, in Oma-Schlüppis und in bequemen Still-BHs. Also tragt, was euch gut tut und die Schwangerschaft erleichtert!

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