Zwillingsschwangerschaften – doppelte Herausforderung, doppeltes Glück!

Dr. med. Judith Bildau 13.11.19
Zwillingsschwangerschaften

Schwanger mit Zwillingen – was für eine Überraschung! Viele werdende Eltern sind erst einmal ganz schön überwältigt, wenn sie erfahren, dass sie doppelten Nachwuchs erwarten. Bevor sich aber die doppelte Freude einstellt,  kommen natürlich auch viele Fragen auf: Ist eine Zwillingsschwangerschaft automatisch eine Risikoschwangerschaft? Wird eine Schwangerschaft mit zwei Babys doppelt so anstrengend wie mit einem? Muss die werdende Mama irgendwelche Dinge besonders beachten? Und was ist überhaupt mit der Geburt? Können Zwillinge auf natürliche Art und Weise das Licht der Welt erblicken?

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit mit Zwillingen schwanger zu werden?

Eine Zwillingsschwangerschaft, übrigens auch Geminigravidität genannt, liegt in den ganz frühen Schwangerschaftswochen bei etwa 2,5% aller Schwangerschaften vor. Nicht selten entwickelt sich allerdings nur eine der beiden Zwillingsanlagen weiter. Deshalb endet nur etwa die Hälfte, also 1,25%, auch in einer Zwillingsgeburt. 

Warum gibt es eigentlich immer mehr Zwillingsschwangerschaften?

In den letzten Jahren konnte insgesamt eine Zunahme der Zwillingsschwangerschaften beobachtet werden. Gab es zum Beispiel 1970 noch etwa 8.500 Zwillingsgeburten, stieg die Zahl 2014 auf 12.977 und 2018 sogar auf 14.097*. Dies liegt daran, dass das Alter der werdenden Mütter gestiegen ist und „ältere“’ Frauen häufiger mit Zwillingen schwanger werden. Der weibliche Körper mobilisiert quasi mit steigendem Alter sämtliche „Reserven“, sodass es in einem Zyklus häufiger zu zwei Eisprüngen parallel kommen kann. Dadurch kommt es wiederum auch häufiger zu einer Schwangerschaft mit zwei Babys.

Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass auch die Anzahl der Sterilitätsbehandlungen gestiegen ist. Dadurch kommt es neben Zwillingsschwangerschaften auch vermehrt zu Schwangerschaften mit Drillingen und Vierlingen.

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Der Unterschied zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen

1. Eineiige Zwillinge – auch hier gibt es verschiedene Formen

Man unterscheidet zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen. 25% aller Zwillingsschwangerschaften sind eineiige (monozygote) Zwillinge. Hier teilt sich die Eizelle in zwei Embryonalanlagen, nachdem sie von einem Spermium befruchtet wurde. Die Babys haben also genau die gleichen Erbanlagen, das gleiche Geschlecht und sehen sich häufig zum Verwechseln ähnlich. Je nachdem, wann sich die Eizelle teilt, haben die beiden Kinder jeweils einen eigenen Mutterkuchen und eine eigene Fruchtblase. Diese eineiige Zwillingsanlage nennt man dann dichorial-diamnial. Teilen sich die Kinder einen gemeinsamen Mutterkuchen, liegen aber in getrennten Fruchtblasen, heißt das monochorial-diamnial. Das ist übrigens die häufigste Form der eineiigen Zwillingsanlage. Hierbei können verschiedene Komplikationen auftreten, die wir uns im Verlauf genauer anschauen werden. Haben die Kinder sowohl einen gemeinsamen Mutterkuchen, als euch eine gemeinsame Fruchtblase wird das als monochorial-monoamnial bezeichnet. Dies ist die seltenste Form der Eineiigkeit und die risikoreichste. Auch diese Risiken werden wir noch genauer beschreiben.

2. Zweieiige Zwillinge

Bei 75% aller Zwillingsschwangerschaften handelt es sich um zweieiige (dizygote) Zwillinge. Hierbei werden zwei Eizellen, die zufällig gemeinsam gesprungen sind, von zwei Spermien befruchtet. Die Babys haben getrennte Mutterkuchen und getrennte Fruchtblasen. Sie können von unterschiedlichem Geschlecht sein , müssen gar nicht so gleich aussehen, sondern können sich äußerlich eher wie Geschwister ähneln.

Übrigens: Um abzuschätzen, ob und wie risikoreich die Schwangerschaft ist, ist es sehr wichtig, dass im ersten Schwangerschaftsdrittel per Ultraschall kontrolliert wird, ob es sich um ein- oder zweieiige Zwillinge handelt und ob, bei Eineiigkeit, Strukturen, wie Mutterkuchen und Fruchtblase, miteinander geteilt werden. 

Was ist anders bei einer Zwillingsschwangerschaft?

Bist du eine werdende Zwillingsmama, wird deine Schwangerschaft automatisch als Risikoschwangerschaft eingestuft. Das bedeutet aber nicht, dass zwangsläufig Komplikationen auftreten müssen! Vielmehr heißt es, dass deine Schwangerschaft besonders sorgfältig kontrolliert wird, um mögliche Auffälligkeiten besonders früh erkennen und auch therapieren zu können.

Folgende Dinge sind häufig anders bei einer Zwillingsschwangerschaft:

  • Viele Zwillingsschwangere leiden in den ersten drei Monaten über eine verstärkte Schwangerschaftsübelkeit und Müdigkeit. Diese verschwindet aber in der Regel nach dem ersten Trimenon wieder.
  • Der Bauch wächst schneller und wird am Ende auch größer. Ist ja logisch – schließlich brauchen zwei Babys ja auch mehr Platz! Bitte achte als werdenden Zwillingsmama besonders auf die frühe Stärkung deiner Rückenmuskulatur und deines Beckenbodens.
  • Die Haut des schnell wachsenden Bauches wird stärker beansprucht und braucht eine gute Pflege. Bestimmte Cremes und Öle spenden die nötige Feuchtigkeit und können auch Dehnungsstreifen vorbeugen.
  • Zwillingsmamas haben am Ende der Schwangerschaft mehr Gewicht zugenommen als Schwangere mit nur einem Baby. Bitte mache dir deshalb keine Sorgen! Mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger Bewegung und eventuell dem Stillen wirst du deine Schwangerschaftspfunde nach einer gewissen Zeit bald wieder los sein.
  • Die Untersuchungsintervalle bei deinem Frauenarzt/deiner Frauenärztin sind engmaschiger. Je nachdem, ob eine eineiige oder zweieiige Zwillingsschwangerschaft vorliegt und ob die Babys sich Strukturen teilen, werden die Vorsorgetermine am Anfang der Schwangerschaft alle 2-3 Wochen stattfinden, später möglicherweise sogar wöchentlich.
  • Der Mutterschutz beginnt zwar auch sechs Wochen vor dem errechnet Geburtstermin, dauert bei Zwillingen aber nach der Geburt nicht nur acht, sondern zwölf Wochen.
  • Beim Elterngeld gibt es einen Mehrlingszuschlag.
  • Zwillingsschwangerschaften enden in der Regel früher, das heißt, die Kinder kommen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt.

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Welche Risiken gibt es bei Zwillingsschwangerschaften?

1. Risiken für die Schwangere

Werdende Zwillingsmamas leiden leider statistisch gesehen häufiger an Schwangerschaftskomplikationen. Sie entwickeln öfter einen Schwangerschaftsbluthochdruck, einen Schwangerschaftszucker oder auch eine Schwangerschaftsvergiftung. Deshalb sind die engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen bei deinem Frauenarzt/ deiner Frauenärztin und deiner Hebamme besonders wichtig. Bitte sprich ausführlich mit ihnen über deine vorliegenden Beschwerden, aber auch deine Ängste und Sorgen. Wenn du weißt, auf was du achten musst, wie du eintretende Komplikationen erkennen kannst und und du dich medizinisch gut aufgehoben fühlst, wirst du dich deutlich sicherer fühlen.

2. Risiken für das Kind

Auch die kindlichen Risiken sind erhöht. Bei eineiigen Zwillingen, die in getrennten Fruchtblasen liegen, sich aber einen Mutterkuchen teilen müssen (monochorial-diamnial), kann es zu einem sogenannten „Fetofetalen Transfusionsyndrom“ (FFTS) kommen. Da sich die Kinder einen Mutterkuchen teilen, sind ihre Blutkreisläufe eng miteinander verbunden und es können auch „Kurzschlüsse“ zwischen ihnen entstehen. Dies kann dazu führen, dass ein Kind mehr Blut erhält, also besser versorgt wird, als das andere. Dies ist letztendlich für beide Kinder eine gefährliche Situation. Mittlerweile gibt es aber die Möglichkeit, diese „Kurzschlüsse“, auch Anastomosen genannt, während der Schwangerschaft mittels einer Laseroperation zu unterbinden, sodass die Blutversorgung für beide Kinder wieder gleichmäßig ist.

Wann kommen Zwillinge zur Welt?

Bei eineiigen Zwillingen, die sich sowohl Fruchtblase, als auch Mutterkuchen miteinander teilen müssen, kann es, besonders zum Ende der Schwangerschaft, zu einer Verknotung der Nabelschnüre kommen. Im schlimmsten Fall können die Kinder dann nicht mehr ausreichend versorgt werden. Deshalb erfolgt hier eine besonders engmaschige Überwachung der Schwangerschaft und in der Regel wird eine Entbindung schon deutlich vor dem errechneten Termin angestrebt.

Hast du eine unkompliziert verlaufende Schwangerschaft mit dichorialen Zwillingen, also Kindern, die zwei getrennte Mutterkuchen haben, mache dir bitte keine Sorgen. Mittlerweile ist zwar bekannt, dass die Entbindung von Zwillingsschwangerschaften nicht zu lange hinausgeschoben werden sollte, da es später zu eine Unterversorgung der Kinder kommen kann, liegen bei dir aber keine medizinischen Auffälligkeiten vor, ist eine Geburt nahe am Entbindungstermin, etwa zwischen der 37. und 39. SSW, anzustreben. Die Kinder kommen dann allgemein als reifgeborene Babys zur Welt. 

Bei monochorialen Zwillingen, Kindern mit einem gemeinsamen Mutterkuchen, lauten die Empfehlungen etwas anders. Auch wenn hier die Schwangerschaft bislang völlig unauffällig verlaufen ist, wird eine Entbindung zwischen der 34. und 37. SSW empfohlen. Neben einigen anderen möglichen Komplikationen, wie einem späten fetofetalen Transfusionssyndrom,  besteht auch hier das Risiko der kindlichen Unterversorgung. Liegen die beiden Kinder zudem gemeinsam in einer Fruchtblase, kann es außerdem zu Nabelschnurkomplikationen, wie einer Verknotung, kommen. Deshalb erfolgt hier eine Entbindung häufig noch früher, etwa zwischen der 32. und 34. SSW

Können Zwillinge auf natürlichem Weg geboren werden?

Obwohl mittlerweile viele Zwillingsschwangerschaften per Kaiserschnitt entbunden werden, ist eine vaginale, also eine natürliche Geburt, durchaus möglich. Dazu müssen verschiedene Gegebenheiten abgewogen worden. Ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel, ob das führende Baby in der Gebärmutter mit dem Köpfchen nach unten liegt. Diese Entscheidung solltest du gemeinsam mit deinem Frauenarzt/ deiner Frauenärztin und auch mit deiner Hebamme in Ruhe treffen. Auch wenn eine natürliche Geburt aus medizinischen Gründen nicht möglich ist, solltest du damit nicht hadern, sondern wissen, dass es das wichtigste ist, bald deine beiden Kinder gesund und munter in deinem Arm halten zu können.

Eine natürliche Zwillingsgeburt sollte in einer geburtshilflich erfahrenen Klinik in Kasierschnittbereitschaft erfolgen. Wird die Geburt, egal ob natürlich oder per Kaiserschnitt, in einer frühen Schwangerschaftswoche angestrebt, sollte sie zudem in einem Krankenhaus mit kinderärztlicher Maximalversorgung stattfinden.

Zwillinge stillen – wie geht das?

Natürlich kannst du Zwillinge gleichermaßen stillen. Denn dein Körper kann ohne Probleme auch zwei Kinder mit ausreichend Milch versorgen. Manchmal bedeutet es ein bisschen mehr Übung, zwei Babys (auch gleichzeitig) stillen zu können. Übrigens: Als Zwillingsmama hast du einen längeren Anspruch auf eine Hebammenunterstützung nach der Geburt. Deine Hebamme kann dir dann in Ruhe Tipps und Tricks und auch Handgriffe zeigen, wie du deine Babys richtig anlegen und saugen lassen kannst. 

Zwillinge- ein Wunder!

Zwei Babys- ein ganz großes Wunder! Womöglich ist die Überraschung am Anfang groß ist und es mag etwas länger dauern, bis die Vorfreude auf deine zwei kleinen Wunder einsetzt. Das ist völlig normal und geht den meisten werdenden Zwillingsmamas und -eltern so. Du wirst in diese Schwangerschaft hinein wachsen und sehen, zu welchen Höchstleistungen dein Körper fähig ist. Am Ende wirst du zwei kleine Menschen in den Armen halten. Auch wenn es oftmals doppelte Arbeit und vielleicht auch doppelte Herausforderung bedeuten kann, so ist es vor allem auch eins: Ein doppeltes Glück.

*Quelle: Statistisches Bundesamt

Über die Autorin:

Dr. med. Judith Bildau ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und lebt mit ihrer Familie in Italien. Sie arbeitet als Frauenärztin sowohl in Rom als auch in der Toskana und betreibt als beratende Ärztin mit drei Freundinnen das Onlinemagazin Mutterkutter.



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