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Schwangerschaftsmode oder Kartoffelsack, adé

Keleya Redaktion 02.08.17

Stilrichtung „Kugelbauch“

Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Mia Prassnick – und erwarte im Oktober mein erstes Kind. In Sachen Mode bin ich eher zeitlos-praktisch veranlagt. Sprich: Wenn mir etwas gefällt, trage ich es normalerweise, bis die Nähte krachen. Dank Babybauch bekam diese Stil-Definition allerdings eine ganz neue Bedeutung – hier ist definitiv häufigeres Shopping angesagt!

Doch etwas zu finden, was mir nicht nur größentechnisch passt, ist dabei gar nicht so einfach. Ob das daran liegt, dass wir heute in den diversen Geschäften und Online-Shops einfach zu viel Auswahl haben? Und wie haben Schwangere das Kleiderproblem eigentlich in den letzten paar tausend Jahren gelöst?

Hallo, hier bin ich – und ich bin schwanger!

Umstandskleidung zu kaufen erschien mir im ersten Trimester sehr wichtig. In diesem Stadium hat man zwar noch keinen nennenswerten Bauch, aber ich hatte das Gefühl ein sichtbares Zeichen setzen zu müssen: „Hallo, ich trage Schwangerschaftsklamotten! Ich werde wirklich Mutter, in echt!“

Das Ergebnis meiner ersten Shopping-Tour war allerdings recht ernüchternd. Zwar haben die großen Modeketten meist eine kleine Mutti-Ecke (häufig direkt neben oder übergangslos kombiniert mit der Abteilung für Übergewichtige) – aber so fühlte ich mich in den angebotenen Kleidungsstücken auch: altbacken, provinziell und muttihaft.

Oder muss das so? Muss ich Pastelltöne und Schlabberblüschen im Elefantenschnitt tragen, um eine gute Mutter zu sein? Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen – und kaufte nichts.

Das Bedürfnis, meinen neuen Zustand auch optisch deutlich zu machen, blieb. Von befreundeten Müttern, die nachweislich zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens einen Kartoffelsack in Rosé getragen hatten, bekam ich schließlich ein paar gute Online-Shops wie Vertbaudet und Baby-Walz empfohlen. Dort fand und kaufte ich endlich Kleidung, die Platz für einen Babybauch bot und mir trotzdem erlaubte, modemäßig ich selbst zu sein.

Muss das wirklich jeder sehen?

Der Witz daran: Als ich sie endlich hatte, lag die Schwangerschaftsmode erst mal ziemlich lange im Schrank. Statt meine brandneue Bauchband-Hose anzuziehen, die auch das winzigste Bäuchlein in echter Figurformer-Manier zur präsentablen Kugel rundet, quetschte ich mich lieber in meine alten Jeans – mit offenem Verschluss. Auch meine gewohnten T-Shirts und Kleider „genügten“ plötzlich wieder: Offenbar war ich schwanger genug, um es auch ohne Mama-Etikett im Nacken glauben zu können.

Inzwischen nähert sich mein drittes Trimester in großen Schritten, und mit wachsendem Bauchumfang verabschieden sich auch die „normalen“ Kleidungsstücke nach und nach: Die Lieblingsjeans kriege ich auch mit Omas Zopfgummi-Knopf-Trick nicht mehr zu und die T-Shirts tendieren allesamt Richtung bauchfrei. Schwangerschaftskleidung, ick hör dir trapsen!

 

 

 

Irgendwann ist plötzlich der Hut das einzige, was noch passt? Das muss doch nicht sein!

 

Schwangerschaftsmode im Wandel der Zeit

 

Im Ernst: Machen wir uns in Sachen Mode vielleicht doch zu viele Gedanken? Immerhin ist der Gefällt-mir-nicht-Ringelpiez, wie auch ich ihn in Sachen Umstandsmode aufgeführt habe, eine echte Erfindung der Neuzeit: Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war ein dicker Bauch nämlich nichts, was stolz präsentiert wurde, sondern etwas, das tunlichst kaschiert wurde.

 

 

Wieso heißt es eigentlich Umstandsmode?

 

Noch im Mittelalter war eine Schwangerschaft nicht unbedingt ein Anlass zur Freude: In armen Haushalten bedeutete ein (weiteres) Kind ein zusätzliches hungriges Mäulchen, das gestopft werden musste, und damit auch eine zusätzliche Belastung. Außerdem waren die Risiken während der Schwangerschaft hoch und die medizinischen Voraussetzungen für eine Geburt schlecht: Fehlgeburten, Geburtskomplikationen und Kindbettfieber kamen entsprechend häufig vor.

 

In gehobenen Schichten war das Ereignis obendrein mit Scham behaftet: Denn ein dicker Bauch deutete auf Sex und damit auf ein eindeutig unzüchtiges Verhalten hin. Selbst der Begriff „Schwangerschaft“ galt noch im 17. Jahrhundert als unanständig. Lieber wurden Umschreibungen wie „in anderen Umständen“ oder (etwas netter formuliert) „in gesegneten Umständen“ genutzt. Diese Floskel hat sich nicht zuletzt in Form der „Umstandsmode“ bis heute gehalten – auch wenn wir runde Bäuche inzwischen feiern und falsche Scham deutlich weniger Platz einnimmt.

 

Übrigens: Auch die „Schwangerschaft“ ist kein ganz neutraler Begriff. Das Wort lässt sich vom mittelhochdeutschen „swangar“ ableiten und bedeutet so viel wie „schwer“ oder „schwerfällig“.